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Interview / Brasilien

Angela Libio da Paixão

2 Frauen kneten Teig

Angela Libio da Paixão

Angela Libio da Paixão (38) lebt in der Siedlung Recanto da Natureza im brasilianischen Bundesstaat Paraná. Als Tochter von Kleinbauern engagiert sie sich seit ihrer Kindheit in der Landlosenbewegung MST. Heute studiert sie im Masterstudiengang Agroökologie und nachhaltige ländliche Entwicklung an der Universidade Federal da Fronteira Sul. Dank der Volksagrarreform bewirtschaftet sie eigenes Land und arbeitet seit 2004 mit agroökologischen Anbaumethoden. Gemeinsam mit ihrer Familie produziert sie Lebensmittel für den Eigenbedarf, öffentliche Ernährungsprogramme sowie für den Verkauf in Form agroökologischer Lebensmittelkörbe.

Welche konkreten Auswirkungen haben politische Entscheidungen und Ernährungsgewohnheiten auf Sie, Ihre Familie und Ihre Gemeinschaft?

Aus einer breiteren Perspektive betrachte ich die Auswirkungen politischer Entscheidungen und individueller Konsumgewohnheiten als begrenzt, da mir bewusst ist, dass der Agrarindustrie die Hauptverantwortung für die großen Umweltprobleme zukommt – sie ist die Hauptursache für strukturelle Probleme. Auf lokaler Ebene, in der Gemeinschaft, in der ich lebe (Recanto da Natureza), sind die Auswirkungen unserer Handlungen jedoch sehr positiv. Die gemeinschaftliche Debatte hat es vielen Familien in der Gemeinschaft ermöglicht, ihre eigenen Lebensmittel anzubauen und agroökologische Praktiken zu übernehmen.

>>In meinem Haushalt steht die Lebensmittelproduktion für unsere bäuerliche Identität, aber auch für Freiheit, Autonomie und Ernährungssouveränität.<<

Als Recanto da Natureza 1999 besetzt wurde, gab es in der Umgebung eine große Artenvielfalt. Im Laufe der Zeit wurde diese Vielfalt jedoch stark reduziert, und heute gibt es in den umliegenden Gebieten praktisch keine Biodiversität mehr. Unsere Gemeinschaft ist nun von Farmen und ausgedehnten Sojaanbauflächen umgeben. Somit ist unsere Gemeinschaft einer der wenigen Orte, an denen noch eine ausgewogenere und erhaltene Biodiversität existiert.

Allerdings sind wir mit zahlreichen Auswirkungen des Vormarsches der Agrarindustrie konfrontiert. Ein Beispiel ist das Wasser: Viele unserer Flüsse entspringen auf Privatgrundstücken, den Farmen. Im Laufe der Jahre wurden diese Gebiete entwaldet und die Quellen verschlammt, was zu einer deutlichen Verringerung des verfügbaren Wassers führte. Heute trocknen unsere Flüsse und Bäche fast aus.

Obwohl wir etwa 34 % unseres Gebiets schützen, leiden wir direkt unter den externen Auswirkungen. Zwischen 1999 und 2004 war die umliegende Region noch weitgehend von einheimischer Vegetation bedeckt – eine Realität, die sich mit dem Vormarsch der landwirtschaftlichen Produktionsflächen änderte.

Welche sozialen und ökologischen Folgen beobachten Sie?

Das Agrarindustriemodell führt zu Landkonzentration, Umweltzerstörung und Schwächung ländlicher Gemeinschaften. Die Agroökologie hingegen stärkt Bindungen, schützt die Natur und sichert gesunde Ernährung – und hier sind Frauen oft die Hauptverantwortlichen.

In unserer Gemeinschaft produzieren wir verschiedene Lebensmittel, vor allem für den Eigenbedarf, wie Reis, Bohnen, Mais, Tierhaltung sowie Obst, Gemüse und Knollen. Milch und Obst- und Gemüseprodukte sind die wichtigsten Einnahmequellen der Familien.

Diese Produktion erfolgt größtenteils auf den individuellen Parzellen jeder Familie. Es gibt jedoch auch kollektive Produktion. Im Laufe ihrer Geschichte hat die Gemeinschaft drei agroindustrielle Betriebe für kollektive Arbeit aufgebaut: eine Honigverarbeitung, eine Bäckerei und eine Molkerei.

Beim Verkauf stützen wir uns auf institutionelle Programme wie das PAA und das PNAE, die für den Absatz der Produktion entscheidend sind. Darüber hinaus verkaufen wir Milch an regionale Unternehmen und direkt an Verbraucher:innen durch agroökologische Körbe.

„Die Agrarindustrie trägt die Hauptverantwortung für strukturelle Umweltprobleme – sie ist die Ursache für Landkonzentration und Biodiversitätsverlust.“

Gibt es Initiativen oder Projekte, die sich diesen Herausforderungen stellen?

Es gibt wichtige Initiativen und öffentliche Programme wie das PAA und PNAE, die bis 2016 stärker gefördert wurden und heute schwächer sind, aber immer noch eine relevante Rolle spielen. PAA und PNAE sind brasilianische öffentliche Politiken, die sich auf Ernährungssicherheit und die Stärkung der Familienlandwirtschaft konzentrieren. Familienbetriebe können ihre Produkte ohne Ausschreibung verkaufen, und die erworbenen Lebensmittel werden an Schulen, Krankenhäuser, Kindertagesstätten und soziale Einrichtungen geliefert. Ziel dieser Initiative ist es, den Produzenten:innen Einkommen zu sichern, den Zugang zu gesunder Ernährung zu fördern und lokale Produktions- und Konsumkreisläufe zu stärken.

>>Ich bin jedoch der Meinung, dass die wichtigste Maßnahme der Ausbau der Agrarreform mit allen erforderlichen strukturellen Investitionen ist.<<

Die größte Herausforderung, der sich unsere Gemeinschaft gegenüber sieht, um die Siedlung Recanto da Natureza in allen Bereichen voranzubringen, ist die Langsamkeit des brasilianischen Staates bei der rechtlichen Umsetzung der Siedlung selbst.

Das Gebiet wurde 1999 besetzt, und im Jahr 2026 jährt sich der Kampf der Gemeinschaft somit zum 28. Mal. Rechtlich gesehen gelten die Familien jedoch immer noch als „Besetzer:innen“. Diese Situation führt zu zahlreichen konkreten Schwierigkeiten. Das Fehlen einer Landregulierung schafft permanente Unsicherheit für die Familien, die ohne definitive Garantie auf das Land leben. Zudem wird der Zugang zu öffentlichen Politiken der Agrarreform, wie ländliche Kredite, technische Unterstützung, Infrastrukturprogramme, Wohnungsbau und Produktionsförderung, erheblich eingeschränkt.

Diese Situation beeinträchtigt auch die Entwicklung der Gemeinschaft und erschwert langfristige Investitionen in die Produktion und die bereits bestehenden kollektiven Agroindustrien. Trotz sozialer Organisation, vielfältiger Produktion und etablierter Vermarktungsinitiativen wie agroökologischer Körbe und institutioneller Programme steht Recanto da Natureza weiterhin vor strukturellen Hindernissen, die durch das Fehlen rechtlicher Anerkennung verursacht werden.

>>Die rechtliche Anerkennung der Siedlung ist nicht nur eine bürokratische Frage, sondern eine grundlegende Voraussetzung, um den Familien Würde, Stabilität und bessere Lebensbedingungen zu garantieren.<<

Gleichzeitig stärkt sie ein Produktionsmodell, das auf Agroökologie, Umweltschutz und Ernährungssouveränität basiert.

Welche Wünsche oder Forderungen haben Sie an Politik und Gesellschaft, insbesondere vor dem Hintergrund globaler Ungerechtigkeiten?

Mein Wunsch und meine Forderung ist ein tatsächliches Voranschreiten der Agrarreform als Mittel, um mehr als 500 Jahre Ungerechtigkeit und Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen zu überwinden.

Der Großgrundbesitz, der historisch Land und Reichtum konzentrierte, präsentiert sich heute in Form der Agrarindustrie, dessen reale Auswirkungen oft durch die Medien verdeckt werden.

Das Interview wurde im März 2026 durchgeführt.